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Bildzeitung verkauft Vorsorgesparer für dumm!

In einem Beitrag vom heutigen Samstag mit dem reißerischen Titel

Geheimtipp Direktversicherung - So sorgen Sie fürs Alter vor

lockt die Bildzeitung gutgläubige Vorsorgesparer in die Falle. Der Finanzanalytiker Volker Looman, der regelmäßig für die Bildzeitung und die FAZ schreibt und von sich behauptet, Privatleute über Geldanlagen, Kredite und Versicherungen aufzuklären, stellt in diesem Artikel Direktversicherungen als lukrative Sparanlage dar. Ein Geheimtipp, der nicht von Weitsicht zeugt.

In seiner Modellrechnung geht Volker Looman von einem Arbeitnehmer aus, der ein Bruttomonatsgehalt in Höhe von 3.000 € bezieht und der 30 Jahre lang von seinem Gehalt per Bruttoentgeltumwandlung 100 € über seinen Arbeitgeber in eine Direktversicherung einzahlt. In der Bezugsphase wird dem Arbeitnehmer aus der Rentenversicherung 20 Jahre lang eine monatliche Rente in Höhe von 250 € ausbezahlt. Daraus leitet der Finanzanalytiker Looman ein Ergebnis von 7.400 € ab.

Dabei unterlaufen ihm aber gleich mehrere Fehler:

  1. In der Ansparphase nimmt Herr Looman eine dynamische Perspektive ein, er unterstellt für die Versicherung eine Ablaufrendite von rund 3,3 %. Daraus ergibt sich am Ende des Zeitraums ein Kapitalwert von 60.000 €, die er in seinen weiteren Berechnungen nicht mehr hinterfragt und schlicht als gegeben hinstellt. In den 20 Jahren des Rentenbezugs wechselt er dann unversehens die Perspektive:  Alles wird statisch, nichts ändert sich mehr, Inflation kommt nicht vor, Rentenwerte und auch die Beiträge für die Kranken- und Pflegeversicherung bleiben 20 Jahre lang konstant. Statistisch gesehen ein grober Fehlschluss und im höchsten Maße unseriös. Blicken wir doch einfach einmal 20 Jahre zurück, wie sah die Finanzwelt in 1996 aus, und was sehen wir heute? Wer hätte je gedacht, dass negative Zinsen einmal die Grundfesten der Finanzmärkte auf den Kopf stellen würden?
  2. Für die Ansparphase eine Ablaufrendite von 3,3% zu unterstellen, ist entweder Wunschdenken oder der manipulative Versuch, die Menschen bewusst in die Irre zu führen. An der gegenwärtigen Zinspolitik der Zentralbanken wird sich in absehbarer Zeit nichts ändern. Schon heute liegen die Ablaufrenditen von Kapitallebensversicherungen bestenfalls bei 2,5 bis 3,0% - und die wurden noch in guten Zeiten abgeschlossen. Geht man zukünftig von einer Ablaufrendite in Höhe von 1,5% aus (auch das ist vermutlich utopisch, denn der Garantiezins für den Sparanteil der Direktversicherung beträgt heute nur noch 0,75% !), dann steht nach 30 Jahren anstelle eines Kapitalwerts von 60.000 € nur noch ein Kapitalwert von 45.000 € zur Disposition. Dafür stellen gute Versicherungen für einen männlichen Versicherten, der am Übergang zur Rente steht, gerade mal eine Garantierente von 150 € in Aussicht, also rund 100 € weniger, als in der Modellrechnung angeführt.
  3. Die Bruttoentgeltumwandlung führt bei Gehältern, die unterhalb der Beitragsbemessungsgrenze der Rentenversicherung liegen, zwangsläufig zu einer Verringerung von Rentenansprüchen. Wandelt ein Arbeitnehmer, wie in der Modellrechnung, 100 € im Monat um, dann reduziert sich sein Rentenanspruch in den 30 Jahren um einen ganzen Rentenpunkt. Die Rentenminderung wird in der Modellrechnung aber völlig außer Acht gelassen. Gleichermaßen reduzieren sich seine Ansprüche an die Arbeitslosenversicherung und die Erwerbsminderungsrente, die - so es das Schicksal will - für einen Arbeitnehmer durchaus von Relevanz sein können.
  4. In der Zeit des Rentenbezugs unterliegen der Rentenwert und die Beiträge für die Kranken- und Pflegeversicherung inflationsbedingten Anpassungen, während die Garantierente voraussichtlich so bleiben wird, wie sie ist. D.h. die Nettoauszahlung als Differenz zwischen Garantierente und Abzügen wird im Zeitverlauf immer geringer. Dies wird aber nur offensichtlich, wenn man dynamisch und nicht statisch rechnet.

Korrigiert man die Annahmen der Modellrechnung und nimmt auch in der Rentenbezugsphase eine dynamische Perspektive  ein, ändert sich das Ergebnis der Berechnung komplett, aus einem prognostizierten Gewinn der Modellrechnung in Höhe von 7.400 € wird für den Arbeitnehmer ein realer Verlust von 2.375 €. Der Geheimtipp des Finanzexperten entpuppt sich als Falle,  Arbeitnehmer zahlen schlicht drauf, bekommen real weniger raus als sie eingezahlt haben. Damit wären wir wieder bei Omas Kopfkissen als die bessere Alternative! Allerdings: Die Versicherungen verdienen immer, sie bestimmen die Regeln in einem intransparenten Spiel und sie brauchen das Geld der Beitragszahler zum Überleben, so wie Süchtige ihre Drogen. Und auch der Arbeitgeber macht ein glänzendes Geschäft, denn auch er spart in der Ansparphase seinerseits Sozialversicherungsbeiträge ein, in der Modellrechnung insgesamt nominal rund 6.8oo €, ganz ohne eigene Leistung und ohne Risiko.  Je 1 Million Versicherungsverträge 6,8 Milliarden Profit für Arbeitgeber. Das ist Sparen für den Chef!

Könnte es deshalb sein, dass der Finanzexperte mit seiner Empfehlung an die Arbeitnehmer, weiterhin mit einer Direktversicherung fürs Alter vorzusorgen, von ganz anderen, als lauteren Motiven geleitet wurde? Es ist kaum anzunehmen, dass Herr Looman einem zahlenden Privatkunden eine derartige Empfehlung unterbreiten würde - sein Renommee als Finanzanalytiker stünde auf dem Spiel!

Die Modellrechnung der Bildzeitung und die korrigierte Modellrechnung können Sie in einer Gegenüberstellung hier herunterladen.

Ein genereller Hinweis zur Problematik von Direktversicherungen nach Inkrafttreten des GKV-Modernisierungsgesetzes: Liegt das Gehalt von Arbeitnehmern, die ihre Beiträge für die Direktversicherungen mittels Bruttoentgeltumwandlung selbst finanzieren unterhalb der Beitragsbemessungsgrenze, rentieren sich Direktversicherungen - sei es als Kapitalzahlung oder als monatliche Rente - nicht mehr. Das Ergebnis ist stets negativ, man kann auch von einer "systematischen Enteigung" sprechen. Dabei sollten doch gerade Arbeitnehmer mit mittleren Einkommen von dieser Form der betrieblichen Altersvorsorge profitieren. Den Richtern an den Sozialgerichten und den Richtern am Bundesverfassungsgericht ist die damit verbundene Verletzung von Artikel 14 GG noch nicht aufgefallen, da ihnen die finanzmathematischen Voraussetzungen offensichtlich zu fehlen scheinen. Man zieht sich lieber auf einen allgemeinen Standpunkt zurück und behauptet stattdessen unverdrossen, dass von den Änderungen der $$ 229 und 248 SGB V keine erdrosselnde Wirkung ausginge. Na denn ...

Kontakt:
Peter Weber
E-Mail: peter_weber@t-online.de
Mobil: 0171/8692120

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